Fahndung nach Mladic: Serbiens Klotz am Bein
Während der Kriegsverbrecherprozess gegen Radovan Karadzic anläuft, ist sein früherer Komplize Ratko Mladic weiter auf freiem Fuß. Die erfolglose Jagd nach ihm untergräbt die europäischen Ambitionen Serbiens.
Uno-Chefankläger Serge Brammertz ist keiner, den man in Belgrad besonders gern sieht. Meistens stellt der Mann vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien ziemlich unangenehme Fragen. Der Donnerstag war keine Ausnahme: Brammertz, dessen Tribunal in Den Haag sich gerade mit dem inhaftierten Ex-Chef der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, befasst, verlangt nach mehr: Er will auch Karadzics Militärführer Ratko Mladic endlich in Haft sehen.
Serbiens Präsident Boris Tadic tat das Übliche und versicherte, sein Land suche "intensiv" nach dem mutmaßlichen Kriegsverbrecher. Und in der Tat hängt in jeder Polizeiwache Serbiens Mladics Porträt. Der heute 67-Jährige, der unter anderem das Massaker von Srebrenica befohlen haben soll, ist der meistgesuchte Mann Europas. Für Hinweise, die zu seiner Festnahme führen, ist eine Belohnung von 4,5 Mio. Euro ausgelobt, davon 1 Mio. Euro von der serbischen Regierung und der Rest von den USA.
Doch weder das hohe Kopfgeld noch die Beteuerungen der Regierung haben bislang zum Erfolg geführt. Hinzu kommt, dass Tadic sich nicht so überzeugt gibt wie Brammertz, dass Mladic wirklich in Serbien ist. Spätestens seit Karadzic im vergangenen Jahr in einem Belgrader Hochhausviertel verhaftet wurde, haben die internationalen Ermittler daran jedoch kaum noch Zweifel. Im Sommer zeigte das bosnische Fernsehen Videoaufnahmen, in denen Mladic sich weitgehend ungehindert durch Serbien und Bosnien bewegt. Nach Angaben des Senders stammten die Bilder aus den letzten zehn Jahren, als Mladic längst weltweit zur Fahndung ausgeschrieben war.
Vor allem ein Verdacht bedrückt die serbische Regierung: Mladic bekomme, so die Vermutung der Ermittler, Unterstützung aus serbischen Armeekreisen. Verteidigungsminister Dragan Sutanovac beteuerte zwar, sein Ministerium zahle keinen Dinar für den Schutz von Kriegsverbrechern. Doch gebe es etwa 55.000 Soldaten und Offiziere in Rente, und man könne "nicht garantieren, dass niemand von ihnen Kontakt zu ihm hat".
Auch in Serbiens Kabinett regt sich Unmut über die erfolglose Suche. Arbeitsminister Rasim Ljajic drohte mit dem Rücktritt von seinem Zusatzamt als Koordinator für die Zusammenarbeit mit Den Haag, sollte Mladic nicht bis Ende des Jahres in Haft sein. "Ich kann nicht glauben, dass wir 2010 noch weiter nach einem Menschen suchen werden, der ein Hindernis ist nicht nur für die europäische Integration, sondern auch für interne Reformen", sagte er.
Die Sorge gilt dem EU-Annäherungsprozess. Zwar unterschrieben Serbien und die EU 2008 ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen, das als erster Schritt auf dem Weg zum EU-Beitritt gilt. Doch soll dieses erst umgesetzt werden, wenn die EU einstimmig feststellt, dass Serbien voll mit dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal kooperiert. Die Niederlande aber stellen sich bislang quer. Sie verlangen die Auslieferung Mladics oder zumindest ein positives Urteil des Chefanklägers Brammertz. Der aber blieb am Donnerstag stumm.
Quelle: FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND