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News - 25.08.09 20:21

Industrie fürchtet Rohstoff-Knappheit

Der Industrienation Deutschland könnte künftig ihre Grundlage entzogen werden - nämlich der Zugang zu wichtigen Metallen und anderen Rohstoffen. Die Wirtschaft fordert eine Antwort auf Chinas weltweite Einkaufstour, lehnt aber "strategische Vorräte" wie bei Öl ab.


BERLIN. Vor der Rohstoffknappheit hat der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) gewarnt, der von der deutschen Regierung eine stärkere Unterstützung fordert. Denn wachsende Handels- und Wettbewerbsverzerrungen auf den Weltrohstoffmärkten machten den Bezug wichtiger Rohstoffe schwieriger und gefährdeten "Tausende Arbeitsplätze" , warnte Ulrich Grillo, Vorsitzender des BDI-Ausschusses Rohstoffpolitik.


Bereits Ende vergangenen Jahres hatte auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) gewarnt, dass die Versorgungslage bei Metallen wie Chrom, Platin, Niob, Molybdän, Zirkon und Tantal "besonders kritisch" sei. Die in der Öffentlichkeit meist kaum bekannten Stoffe sind entscheidend für die Herstellung von Edelstahl und Produkte der Chemie- und Elektroindustrie. Längst hat deshalb weltweit ein Rennen nicht nur um Öl und Gas, sondern eben auch metallische Rohstoffe eingesetzt.


Schon 2007 hatten Regierung und Wirtschaft angesichts neuer Höchstpreise für Rohstoffe eine gemeinsame Strategie vereinbart - passiert ist seither aber nicht viel. Denn durch die Weltwirtschaftskrise hatte weltweit die Nachfrage nachgelassen - und damit auch der politische Druck. Doch nun ziehen die Preise wieder an, und mit Schrecken vermerken deutsche Firmen, dass andere Staaten wie etwa China in der Krise systematisch daran gearbeitet haben, die langfristige Rohstoffversorgung ihrer Industrien zu sichern, und zwar "mit allen Mitteln", wie Grillo kritisierte, der auch Vorstandschef der Grillo-Werke AG ist.


So beschränke China den Handel mit Rohstoffen und Halberzeugnissen durch 373 Exportzölle. Weil China die Einfuhr von Metallschrott steuerlich begünstige, sei das Land zum "Staubsauger" auf den weltweiten Schrottmärkten geworden. Das Metall fehlt nun für die Wiederaufbereitung in Deutschland. Dabei beziehen gerade deutsche Firmen einen erheblichen Teil ihres Metallbedarfs aus dem Recycling.


Mit Sorge wird auch die zunehmende Konzentration unter den weltweiten Rohstoffkonzernen genannt, bei denen deutsche Firmen so gut wie keine Rolle spielen. So teilen sich etwa bei Eisenerz nur noch drei Anbieter den Weltmarkt auf. Chinas Chinalco-Konzern würde gerne beim australischen Rohstoffgiganten Rio Tinto einsteigen. Auch chinesische Nickelunternehmen seien weltweit auf Einkaufstour, vermerkt die Industrie. Und in Bolivien biete China im Gegenzug für ein riesiges Lithiumvorkommen ein Paket aus Krediten, Rüstungsgütern und Schiffen an.


Das Thema einer sicheren Rohstoffversorgung besorgt mittlerweile nicht mehr nur deutsche Unternehmen. Im kommenden Frühjahr will auch die EU ihre Strategie festlegen und arbeitet bereits an einem Entwurf, der im Dezember vorgelegt werden soll. So hat eine Arbeitsgruppe der EU-Kommission vorgeschlagen, eine Liste mit "kritischen Metallen" festzulegen, um deren Zugang sich die EU-Staaten besonders kümmern sollten.


Der BDI kritisiert den Ansatz jedoch. Denn mittlerweile gehe es nicht mehr nur um die sogenannten Seltenerde-Metalle wie Neodym, das etwa für die Laser- und Solartechnik unerlässlich ist. Auch ein "Allerweltsmetall" wie Kupfer erhält plötzlich wieder strategische Bedeutung. "Denn bei neuen Elektromotoren steigt der Kupferanteil im Fahrzeug von 25 auf 65 Kilogramm", sagte Grillo. Angesichts der weltweiten Pläne für den Bau von Millionen Elektroautos steigt der Bedarf enorm. Auch auf dem Kupfermarkt aber decken sich vor allem die Chinesen ein - etwa mit dem Kauf einer Kupfermine im Nordwesten Afghanistans.


Anders als in anderen Industrienationen gibt es in Deutschland noch keinen Schulterschluss zwischen Politik und Wirtschaft - vor dem die Firmen trotz ihres Hilferufs weiter zurückschrecken. Die Wirtschaft verlangt von der Bundesregierung vor allem, dass sie auf freie Weltmärkte pocht, gegen Handelshemmnisse vorgeht und eine außenpolitische Flankierung bei der Erschließung von Vorkommen bietet. So solle der Zugang zu Rohstoffen künftig Teil einer außen- und entwicklungspolitischen Arbeit der Regierung werden, etwa ergänzend zur "Energieaußenpolitik", die Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) mit Blick auf eine sichere Versorgung mit Öl und Gas angestoßen hatte.


Gleichzeitig lehnen sie aber strategische deutsche oder europäische Rohstoff-Reserven ab, wie es sie für Öl schon gibt. "Das bringt nur die Gefahr neuer Umlagekosten für die Firmen", sagte Grillo. Damit geht Deutschland andere Wege als andere Industrienationen: Japan etwa hat solche Reserven für sieben Metallrohstoffe (Nickel, Chrom, Mangan, Kobalt, Wolfram, Molybdän und Vanadium) angelegt. Damit lässt sich der Bedarf für rund 100 Tage Produktion decken. Die gemeinsam von Regierung und Wirtschaft betriebene Lagerhaltung soll bei extremen Preissteigerungen und Lieferunterbrechungen helfen.


China hat allein im ersten Halbjahr 2009 rund 200 000 Tonnen Kupfer auf Vorrat gekauft. Auch die USA verfügten lange über strategische Reserven an bestimmten Metallen, bauten diese aber in den 90er-Jahren weitgehend wieder ab. Heute werden noch Vorräte an drei Metallen gehalten, die für die US- Rüstungsindustrie besonders wichtig sind.


Die Forderungen


Im Kampf gegen die drohende Rohstofflücke hat die deutsche Wirtschaft eine Reihe von - teilweise kontroversen - Forderungen aufgestellt:


Der Abbau von Rohstoffen in Deutschland soll auch in Naturschutzgebieten möglich werden, zumindest zeitweise und unter Auflagen. Lagerstätten sollen ausgewiesen werden.


Die deutsche Entwicklungspolitik soll auch die Exploration von und den Zugang zu Rohstoffvorkommen fördern. Sie soll Entwicklungspolitik und Investitionsvorhaben verknüpfen.


Zudem soll die erneute Verschuldung von Entwicklungsländern verhindert werden - weil dies in Abhängigkeit von großen Geberländern wie China führt.


Die Politik soll gegen Handelsbeschränkungen bei Rohstoffen vorgehen.


Die Kartellbehörden in Deutschland und der EU sollen eine zu starke Konzentration der Rohstoffkonzerne weltweit verhindern.


Der illegale Export von Metallabfällen soll gestoppt werden, um Stoffe wieder verstärkt in Deutschland recyceln zu können.


Andreas Rinke



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Quelle: HANDELSBLATT

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